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Mobbing bei Kindern: was Eltern tun können

KKS-Team
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Eltern-Ratgeber · Mobbing
⏱ 14 Min. Lesezeit 👨‍👩‍👧 Für Eltern von 6 bis 16 Jahren 📚 11 Quellen
Kurze Antwort

Mobbing ist kein Streit, sondern wiederholte Schädigung bei klarem Machtungleichgewicht. Rund 8,6 Prozent der Schülerinnen und Schüler in Deutschland sind betroffen. Wenn dein Kind gemobbt wird, gilt: zuhören, alles schriftlich dokumentieren, die Klassenleitung einschalten, bei Untätigkeit die Schulleitung und danach die Schulaufsicht. Was du nicht tun solltest: dein Kind auffordern, sich einfach zu wehren. Ein Machtungleichgewicht kann ein einzelnes Kind per Definition nicht allein auflösen. Sport und Kampfsport stärken das Selbstvertrauen, ersetzen aber kein Eingreifen der Erwachsenen.

Zahlen vom Robert Koch-Institut Studienlage ehrlich eingeordnet Ohne Wunderversprechen
Die Abgrenzung

Wann ist es Mobbing und wann Streit?

Die Unterscheidung ist keine Wortklauberei. Sie entscheidet darüber, was hilft.

Die Fachdefinition, mit der auch das Robert Koch-Institut in der HBSC-Studie arbeitet, geht auf den norwegischen Forscher Dan Olweus zurück und lautet sinngemäß: Eine Person wird gemobbt, wenn eine andere Person oder eine Gruppe ihr gegenüber wiederholt gemeine oder unfreundliche Dinge sagt oder tut.

Daraus ergeben sich drei Merkmale, die alle drei zutreffen müssen:

1

Wiederholung

Es passiert nicht einmal, sondern regelmäßig und über einen längeren Zeitraum. Ein einzelner Ausraster auf dem Pausenhof ist noch kein Mobbing, auch wenn er hart war.

2

Machtungleichgewicht

Das ist der entscheidende Punkt. Das Landeskonzept Brandenburg formuliert es so: Die Betroffenen sind nicht in der Lage, sich aus eigener Kraft aus der Situation zu befreien. Zahlenmäßig, körperlich, sozial oder über den Status in der Klasse.

3

Schädigungsabsicht

Es geht nicht um ein Missverständnis, sondern darum, jemanden herabzusetzen. Oft nicht aus Hass, sondern weil es der Gruppe Zusammenhalt gibt. Genau deshalb ist Mobbing so stabil.

Ein Streit hat zwei Seiten, die sich zur Wehr setzen können. Mobbing hat eine Seite, die nicht mehr kann.

Diese Unterscheidung hat eine sehr praktische Konsequenz. Bei einem Streit funktionieren Ratschläge wie „redet miteinander" oder „geht euch aus dem Weg". Bei Mobbing funktionieren sie nicht, weil die Voraussetzung fehlt: Zwei ungleich starke Parteien lösen nichts auf Augenhöhe. Deshalb ist Mobbing immer eine Aufgabe für Erwachsene, nie eine Aufgabe für das betroffene Kind allein.

Das Schulministerium NRW beschreibt Mobbing ausdrücklich als systemischen Prozess, bei dem nicht die einzelne Handlung die Schwere bestimmt, sondern die Gruppendynamik. Der oft zitierte Satz dazu lautet: Mobbing lebt vom Mitmachen. Deshalb setzen wirksame Programme auch nie nur beim Opfer an.

Die Datenlage

Wie verbreitet Mobbing wirklich ist

Nicht so selten, wie Schulen manchmal beruhigen. Und nicht so dramatisch, wie manche Schlagzeile behauptet.

Die belastbarste deutsche Quelle ist die HBSC-Studie, die das Robert Koch-Institut im Journal of Health Monitoring auswertet. Befragt wurden 2022 insgesamt 6.475 Schülerinnen und Schüler im Alter von 11, 13 und 15 Jahren.

8,6 % der Schülerinnen und Schüler waren Opfer von Mobbing RKI, HBSC-Studie 2022
14 % hatten überhaupt Mobbing-Erfahrung, als Opfer, Täter oder beides RKI, HBSC-Studie 2022
3,4 % gaben an, selbst andere gemobbt zu haben, 2009 waren es noch 8,4 Prozent RKI, HBSC-Studie 2022

In eine durchschnittliche Klasse mit 25 Kindern übersetzt heißt das: etwa zwei Kinder sind aktuell betroffen. Das ist keine Randerscheinung, aber auch kein Zustand, in dem die Mehrheit der Klasse beteiligt wäre.

Zwei Befunde daraus sind für Eltern besonders relevant. Erstens: Der Anteil der Betroffenen sinkt mit dem Alter, von 9,3 Prozent bei den 11-Jährigen auf 7,4 Prozent bei den 15-Jährigen. Grundschule und frühe weiterführende Schule sind also die kritischste Phase. Zweitens: Der Anteil derjenigen, die selbst mobben, hat sich seit 2009 mehr als halbiert, während der Anteil der Opfer stabil geblieben ist. Prävention wirkt offenbar auf der Täterseite, ohne dass sich die Zahl der Betroffenen im selben Maß verändert hätte.

🔍
Zahlen richtig einordnen

Du wirst online sehr unterschiedliche Prozentzahlen finden, von 3 bis über 18 Prozent. Das liegt nicht daran, dass eine Quelle lügt, sondern daran, dass unterschiedlich gefragt wird: enge Olweus-Definition oder weite Auslegung, letzte zwei Monate oder gesamte Schulzeit, Selbstauskunft der Kinder oder Einschätzung der Eltern. Wenn dir jemand eine besonders hohe Zahl präsentiert, lohnt der Blick auf Definition und Zeitraum.

Die Erscheinungsformen

Vier Formen, drei davon unsichtbar

Eltern suchen nach blauen Flecken. Die häufigste Form hinterlässt keine.

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Verbal

Beleidigen, lächerlich machen, Spitznamen, ständige Kommentare zu Aussehen, Kleidung, Herkunft oder Familie. Die häufigste Form und die am leichtesten zu bagatellisierende.

🚫

Sozial und indirekt

Ausschließen, Gerüchte streuen, absichtlich nicht einladen, jemanden systematisch übersehen. Von außen kaum nachweisbar, für das Kind aber besonders zermürbend.

👋

Körperlich

Schubsen, festhalten, Sachen wegnehmen oder beschädigen. Die sichtbarste Form und zugleich die seltenste. Laut PISA-Auswertungen betrifft körperliche Schikane einen kleinen Teil der Fälle.

📱

Digital

Bloßstellende Fotos, Ausschluss aus Klassenchats, Hassnachrichten, Fake-Profile. Läuft parallel zum Offline-Mobbing und macht auch zu Hause nicht Schluss.

Für dich als Elternteil ist vor allem die zweite Kategorie wichtig. Wenn dein Kind sagt „die machen ja gar nichts", kann das genau die Form sein, die am schwersten greifbar ist. Niemand schlägt, niemand beleidigt offen, und trotzdem sitzt dein Kind seit Wochen allein in der Pause. Das ist kein Pech und keine Schüchternheit, sondern eine Handlung der Gruppe.

Warnsignale

Woran du erkennst, dass dein Kind gemobbt wird

Die meisten Kinder erzählen es nicht von sich aus. Aus Scham, aus Angst vor Eskalation, oder weil sie glauben, selbst schuld zu sein.

Das Familienportal NRW listet als Warnzeichen unter anderem diese Punkte auf. Einzeln bedeutet keiner davon zwingend Mobbing. Mehrere zusammen und über Wochen sind ein sehr deutliches Signal.

BereichWorauf du achten kannst
StimmungWirkt ängstlich, angespannt oder gereizt, besonders sonntagabends und montagmorgens
SchulwegWill nicht mehr allein oder gar nicht mehr zur Schule, nimmt plötzlich Umwege
FreundeZieht sich zurück, wird nicht mehr eingeladen, trifft niemanden mehr
KörperWiederholt Kopf- oder Bauchschmerzen ohne medizinischen Befund
Schlaf und EssenEinschlafprobleme, Albträume, Appetitlosigkeit
LeistungNoten fallen plötzlich und deutlich ab
SachenSchulsachen sind beschädigt oder verschwinden, ungewöhnlicher Geldbedarf
HandyReagiert verstört auf Nachrichten, legt das Handy weg, wenn du dazukommst
💛
Wie du das Gespräch eröffnest

Frag nicht „wirst du gemobbt". Das ist ein großes Wort, und viele Kinder verneinen es reflexhaft, weil es sich nach Schwäche anfühlt. Frag stattdessen konkret und beiläufig: Mit wem hast du heute in der Pause gesessen? Wer sitzt neben dir? Wen hast du zuletzt getroffen? Aus den Antworten auf solche Fragen ergibt sich das Bild oft von selbst.

Wenn dein Kind sich öffnet, ist der wichtigste Satz nicht „das regeln wir", sondern: Du bist nicht schuld, und ich glaube dir. Sehr viele betroffene Kinder haben zu diesem Zeitpunkt bereits die Erklärung übernommen, dass irgendetwas mit ihnen nicht stimmt. Diese Erklärung zu widerlegen ist der erste Schritt, noch vor jeder Maßnahme.

Digital

Cybermobbing: was daran anders ist

Nicht ein anderes Problem, sondern dasselbe Problem ohne Feierabend.

Cybermobbing ist selten ein eigenständiges Phänomen. Meistens ist es die digitale Verlängerung dessen, was in der Klasse ohnehin passiert. Drei Dinge machen es aber schwerer:

Erstens gibt es keinen Rückzugsraum. Früher endete Mobbing am Schultor, heute läuft es im Klassenchat weiter, während dein Kind zu Hause auf dem Sofa sitzt. Zweitens ist das Publikum größer und die Inhalte bleiben. Ein bloßstellendes Foto ist in Minuten überall und lässt sich nicht zurückholen. Drittens erlaubt die Anonymität eine Härte, die den meisten von Angesicht zu Angesicht nicht möglich wäre.

Zur Verbreitung gibt es zwei sehr unterschiedliche Zahlen, und beide sind seriös erhoben. Die HBSC-Studie des RKI kommt mit ihrer engen Definition auf rund 3 Prozent Betroffene. Die Cyberlife-Studie des Bündnis gegen Cybermobbing, erhoben 2024 unter 4.213 Schülerinnen und Schülern, kommt auf 18,5 Prozent, was hochgerechnet rund 2,1 Millionen Kindern und Jugendlichen entspricht. Der Unterschied kommt aus der Definition und dem Erhebungszeitraum. Die Wahrheit für deine Familie liegt vermutlich irgendwo dazwischen, und für die Frage, was zu tun ist, spielt sie ohnehin keine Rolle.

1

Beweise sichern, bevor ihr reagiert

Screenshots mit Datum, Uhrzeit und sichtbarem Absender. Nichts löschen, auch wenn der Impuls groß ist. Ohne Belege steht später Aussage gegen Aussage.

2

Melden und blockieren

Jede Plattform hat Meldefunktionen, und bei bloßstellenden Bildern greift zusätzlich das Recht am eigenen Bild. Blockieren erst, nachdem die Beweise gesichert sind.

3

Nicht antworten

Jede Reaktion ist Futter. Das gilt auch für Erwachsene, die sich in Klassenchats einmischen wollen. Der Weg führt über die Schule, nicht über den Chat.

Ein Hinweis, der Eltern oft überrascht: Cybermobbing endet nicht dadurch, dass du deinem Kind das Handy wegnimmst. Für die betroffenen Kinder fühlt sich das wie eine zusätzliche Strafe an, und es schneidet sie von den Kontakten ab, die noch funktionieren. Sinnvoller ist, gemeinsam Regeln für Benachrichtigungen und Ruhezeiten festzulegen und den Klassenchat vorübergehend stummzuschalten.

Der Handlungsplan

Was tun bei Mobbing: Schritt für Schritt

In dieser Reihenfolge. Sie ist nicht beliebig, sondern folgt dem offiziellen Beschwerdeweg.

1

Zuhören, ohne sofort zu handeln

Dein erster Impuls wird sein, zum Telefon zu greifen. Warte damit. Viele Kinder erzählen beim zweiten oder dritten Mal deutlich mehr, wenn sie erlebt haben, dass nach dem ersten Erzählen nicht sofort etwas passiert, das sie nicht kontrollieren können. Sag zu, dass du nichts unternimmst, ohne es vorher mit deinem Kind zu besprechen. Und halte dich daran.

2

Dokumentieren

Ein einfaches Heft oder eine Notizdatei: Datum, Uhrzeit, Ort, wer war beteiligt, was ist passiert, wer hat es gesehen. Diese Liste ist später euer stärkstes Werkzeug. Sie verwandelt „unser Kind wird geärgert" in einen nachvollziehbaren Verlauf, den keine Schule mehr als Einzelfall abtun kann.

3

Klassenleitung einschalten

Sachlich, mit der Dokumentation, ohne Schuldzuweisung an die Lehrkraft. Ziel des ersten Gesprächs ist keine Bestrafung, sondern eine gemeinsame Lagebeschreibung und eine konkrete Verabredung: Wer macht was bis wann, und wann sprecht ihr wieder.

4

Nachfassen, schriftlich

Wenn nach der verabredeten Frist nichts passiert ist, fasst du schriftlich nach, per Mail. Ab hier existiert ein Vorgang. Das ist kein unfreundlicher Schritt, sondern der Punkt, an dem aus einem Gespräch eine Angelegenheit wird.

5

Schulleitung, dann Schulaufsicht

Die Schulleitung ist die nächste Stufe, danach die Schulaufsicht bei der Bezirksregierung. In NRW gilt zusätzlich eine Meldepflicht der Schule an die Schulaufsicht bei erheblichen Vorfällen. Parallel könnt ihr jederzeit die schulpsychologische Beratungsstelle einbeziehen, kostenfrei und auch für Eltern.

6

Dein Kind außerhalb der Schule stärken

Nicht als Ersatz für die Schritte davor, sondern parallel. Ein Umfeld, in dem dein Kind nicht das gemobbte Kind ist, sondern einfach mitmacht, ist in dieser Zeit mehr wert als jedes Gespräch über das Problem. Sportgruppe, Chor, Feuerwehr, Verein, was auch immer passt.

⚠️
Was du besser nicht tust

Die Eltern des mobbenden Kindes direkt kontaktieren. Das endet in den allermeisten Fällen in gegenseitigen Vorwürfen, und für dein Kind wird die Lage danach härter statt besser. Ebenso wenig hilft die Ansage, dein Kind solle sich einfach wehren. Das verlagert die Verantwortung auf denjenigen, der in der schwächeren Position ist, und funktioniert genau deshalb nicht.

Pflichten und Möglichkeiten

Was die Schule tun muss

Und was ihr einfordern könnt, wenn nichts passiert.

Schulen haben eine Fürsorgepflicht gegenüber allen Schülerinnen und Schülern. Da Mobbing das Wohlergehen der Betroffenen beeinträchtigt, müssen Lehrkräfte mit angemessenen Maßnahmen darauf reagieren. Das ist keine Empfehlung, sondern eine Pflicht, aus der sich im Ernstfall auch Haftungsfragen ergeben können.

Der Instrumentenkasten reicht in NRW von erzieherischen Einwirkungen bis zu förmlichen Ordnungsmaßnahmen nach § 53 Schulgesetz: schriftliche Verwarnung, Umsetzung in eine parallele Klasse, vorübergehender Unterrichtsausschluss, in schweren Fällen Entlassung von der Schule. Diese Stufen müssen nicht nacheinander durchlaufen werden, die Maßnahme muss aber verhältnismäßig sein.

Die brauchbarste Frage im Elterngespräch ist nicht „was werden Sie tun", sondern „bis wann, und woran messen wir, ob es gewirkt hat".

Wichtig zu wissen: Wirksam sind vor allem Programme, die die ganze Klasse und die ganze Schule einbeziehen, nicht Einzelgespräche mit dem betroffenen Kind. Die große Campbell-Metaanalyse von Gaffney, Ttofi und Farrington aus dem Jahr 2021 hat 100 Evaluationsstudien ausgewertet. Ergebnis: Schulische Anti-Mobbing-Programme senken Täterschaft um rund 18 bis 19 Prozent und Opfererfahrungen um rund 15 bis 16 Prozent. Die Autoren nennen den Effekt ausdrücklich moderat.

Diese Zahl ist in beide Richtungen wichtig. Sie zeigt, dass Programme wirken und ihr sie einfordern solltet. Und sie zeigt, dass niemand ein Programm einführt und das Problem damit erledigt ist. Wer euch etwas anderes verspricht, verkauft euch etwas.

Rechtlicher Rahmen

Ist Mobbing strafbar?

Mobbing selbst ist kein Straftatbestand. Einzelne Handlungen sehr wohl.

Es gibt im deutschen Recht keinen Paragrafen „Mobbing". Was es gibt, sind Tatbestände, die einzelne Mobbinghandlungen erfassen. Die häufigsten:

HandlungTatbestand
Beschimpfen, herabwürdigenBeleidigung, § 185 StGB
Unwahres über jemanden verbreitenÜble Nachrede, § 186 StGB, Verleumdung, § 187 StGB
Systematisches NachstellenNachstellung, § 238 StGB
Zu etwas zwingenNötigung, § 240 StGB
DrohenBedrohung, § 241 StGB
Bloßstellende Aufnahmen§ 201a StGB und § 33 KunstUrhG
Schlagen, schubsen mit FolgeKörperverletzung, § 223 StGB

Zwei Punkte sind für Eltern besonders relevant. Erstens die Strafmündigkeit: Nach § 19 StGB ist schuldunfähig, wer bei der Tat noch nicht 14 Jahre alt ist. Ein zwölfjähriges Kind kann also strafrechtlich nicht belangt werden, egal wie schwer der Vorfall war.

Zweitens die zivilrechtliche Seite, die oft übersehen wird: Minderjährige haften nach § 823 BGB grundsätzlich schon ab sieben Jahren, sofern die nötige Einsichtsfähigkeit vorliegt. Möglich sind Schadensersatz, Schmerzensgeld und Unterlassungsansprüche. Das ist der Hebel, der in der Praxis häufiger greift als das Strafrecht.

Trotzdem gilt: Der Rechtsweg ist das letzte Mittel, nicht das erste. Juristische Einschätzungen betonen übereinstimmend, dass Betroffene im Regelfall vorrangig auf schulinterne Maßnahmen setzen sollten. Ein Strafverfahren dauert lange, belastet dein Kind zusätzlich und löst die Situation in der Klasse nicht. Was es gibt: Das Recht, Strafanzeige zu stellen, ist ein individuelles Recht jedes Opfers, das die Schulleitung nicht einschränken kann.

Dieser Abschnitt ist eine allgemeine Orientierung und ersetzt keine Rechtsberatung. Schulrecht ist Landesrecht und unterscheidet sich zwischen den Bundesländern. Im Ernstfall wendet euch an eine Rechtsanwältin oder einen Rechtsanwalt sowie an die Schulaufsicht eures Bundeslands.

Kostenloses Probetraining

Ein Ort, an dem dein Kind einfach dazugehört.

In der KopfKörperSchule trainieren Kinder in engen Altersgruppen, mit festen Trainern und klaren Regeln im Umgang miteinander. Für Kinder, die in der Schule gerade außen vor sind, ist genau das oft das Wichtigste: eine Gruppe, in der sie niemand kennt als das Kind mit dem Problem.

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Warum Abwarten teuer ist

Welche Folgen Mobbing hat

Der häufigste Elternfehler ist nicht Überreaktion. Es ist Abwarten.

Eine systematische Übersichtsarbeit von Moore und Kollegen aus dem Jahr 2017 hat 165 Studien zu den Folgen von Mobbing zusammengeführt. Die stärkste Evidenz für ursächliche Zusammenhänge fand sich für Depression, Angst, schlechtere allgemeine Gesundheit sowie Suizidgedanken und suizidales Verhalten. Auch der Zusammenhang mit späterem Tabak- und Drogenkonsum gilt als wahrscheinlich ursächlich.

Für Cybermobbing hat ein Umbrella Review in Nature Human Behaviour 56 Metaanalysen ausgewertet und kommt auf einen mittleren Zusammenhang von r = 0,24 mit Depression und Angst sowie r = 0,29 mit Selbstverletzung und Suizidalität.

Das RKI formuliert für den deutschen Kontext, dass einige dieser Risiken durch Mobbingerfahrungen mehr als dreifach erhöht sind. Diese Zahlen sind nicht dazu da, dir Angst zu machen. Sie sind das Argument gegen den Satz, den fast alle Eltern irgendwann einmal hören: Das wächst sich aus.

🩺
Wann professionelle Hilfe dazugehört

Wenn dein Kind über längere Zeit nicht mehr in die Schule will, sich vollständig zurückzieht, über Wertlosigkeit spricht, sich selbst verletzt oder Andeutungen macht, nicht mehr leben zu wollen, dann ist der Punkt erreicht, an dem ihr nicht mehr allein weitermachen solltet. Erste Anlaufstellen sind die Kinderärztin oder der Kinderarzt, der schulpsychologische Dienst und die Erziehungsberatungsstellen. Bei akuter Sorge um die Sicherheit deines Kindes gilt der Notruf 112.

Ehrliche Einordnung

Was Sport leisten kann und was nicht

Wir betreiben Kampfsportschulen. Umso wichtiger, dass dieser Abschnitt nichts verspricht, was die Studienlage nicht hergibt.

Es gibt einen ganzen Markt, der Eltern in dieser Situation verspricht, ein Kurs mache aus dem gemobbten Kind ein selbstbewusstes. Diese Versprechen sind durch die Forschung nicht gedeckt, und wir halten sie für schädlich, weil sie die Verantwortung auf das Kind verschieben.

Was die Daten hergeben, ist Folgendes. Eine randomisierte kontrollierte Studie von Moore, Dudley und Woodcock aus dem Jahr 2023 mit 283 Schülerinnen und Schülern im Alter von 12 bis 14 Jahren fand nach zehn wöchentlichen Einheiten eine signifikante Verbesserung der Selbstwirksamkeit, also der Überzeugung, Situationen aus eigener Kraft bewältigen zu können. Der Effekt war mittelgroß und hielt bis zum Follow-up nach zwölf Wochen an. Die Autoren weisen selbst darauf hin, dass die Intervention mehrere Bausteine enthielt und der Effekt nicht dem Kampfsport allein zugeschrieben werden kann.

Eine ältere Beobachtungsstudie zu einem kampfsportbasierten Anti-Mobbing-Programm fand bei Jungen weniger Aggression und häufigeres Eingreifen zugunsten von Mobbing-Opfern, vermittelt über gestiegene Empathie, nicht über Kampffähigkeit. Bei Mädchen zeigte sich kein signifikanter Effekt.

+ Selbstwirksamkeit Belegt: Kinder trauen sich nach strukturiertem Training mehr zu Moore, Dudley & Woodcock 2023, randomisierte Studie
? Opferrisiko Nicht belegt: dass Kampfsport das Risiko senkt, gemobbt zu werden Studienlage für Kinder unzureichend

Unsere ehrliche Einordnung sieht deshalb so aus. Ein gutes Training kann etwas, das gerade sehr viel wert ist: Es gibt deinem Kind zwei bis drei feste Termine pro Woche in einer Gruppe, in der es nicht das Problemkind ist, in der Erwachsene die Regeln durchsetzen und in der Fortschritt sichtbar wird. Aufrechte Haltung, klarer Blick und eine feste Stimme sind keine Esoterik, sie verändern messbar, wie andere auf ein Kind zugehen.

Was ein Training nicht kann: eine Klassendynamik auflösen, die aus einem Machtungleichgewicht lebt. Dafür braucht es Erwachsene in der Schule. Ein Kind mit gelbem Gürtel gegen sechs Mitschüler ist immer noch ein Kind gegen sechs Mitschüler.

Wenn dich das Thema Selbstverteidigung im Speziellen beschäftigt, haben wir dazu einen eigenen Beitrag geschrieben, in dem wir uns auch die Prüffragen der Polizei zu Kursanbietern ansehen: Selbstverteidigung für Kinder. Und wenn es bei euch weniger um Angriffe als um fehlenden Anschluss geht, passt eher Mein Teenager hat keine Freunde oder unser Ratgeber zum Selbstbewusstsein stärken.

Anlaufstellen

Wo ihr Hilfe bekommt

Alle Angebote sind kostenlos und auf Wunsch anonym.

  • 📞

    Kinder- und Jugendtelefon 116 111

    Nummer gegen Kummer, für Kinder und Jugendliche selbst. Montag bis Samstag von 14 bis 20 Uhr, samstags von jugendlichen Beraterinnen und Beratern besetzt. Kostenlos und anonym, zusätzlich Chat- und Mailberatung.

  • 👪

    Elterntelefon 0800 111 0550

    Ebenfalls Nummer gegen Kummer, für dich als Elternteil. Montag, Mittwoch und Freitag von 9 bis 17 Uhr, Dienstag und Donnerstag von 9 bis 19 Uhr.

  • 🛡️

    Opfer-Telefon Weisser Ring 116 006

    Täglich von 7 bis 22 Uhr, kostenfrei, auf Wunsch anonym. Zusätzlich Onlineberatung und persönliche Begleitung, auch wenn es um eine Anzeige geht.

  • 🏫

    Schulpsychologischer Dienst

    In jedem Bundesland vorhanden, kostenfrei und vertraulich, ausdrücklich auch für Erziehungsberechtigte. Die regionale Beratungsstelle findet ihr über das Schulministerium eures Landes oder die Bezirksregierung.

  • 💻

    JUUUPORT

    Beratung von Jugendlichen für Jugendliche, speziell zu Cybermobbing, Stress im Netz und Belästigung. Kostenlos und vertraulich über juuuport.de.

Häufige Fragen

Fragen? Wir haben Antworten.

Die Fragen, die Eltern zum Thema Mobbing am häufigsten stellen.

Was tun bei Mobbing in der Schule?+
In dieser Reihenfolge: zuhören und deinem Kind glauben, alle Vorfälle mit Datum und Zeugen dokumentieren, die Klassenleitung mit dieser Dokumentation einschalten und eine konkrete Frist verabreden, bei Untätigkeit schriftlich nachfassen, danach Schulleitung und Schulaufsicht. Parallel könnt ihr jederzeit die schulpsychologische Beratungsstelle einbeziehen, sie ist kostenfrei und auch für Eltern da.
Ab wann ist es Mobbing und wann nur ein Streit?+
Drei Merkmale müssen zusammenkommen: Die Handlungen wiederholen sich über längere Zeit, es besteht ein Machtungleichgewicht, sodass das betroffene Kind sich nicht aus eigener Kraft befreien kann, und es geht um Schädigung, nicht um ein Missverständnis. Ein einzelner heftiger Streit unter etwa gleich starken Kindern ist kein Mobbing, auch wenn er wehgetan hat.
Woran erkenne ich, dass mein Kind gemobbt wird?+
Typische Warnsignale sind: will nicht mehr zur Schule, wirkt ängstlich und angespannt, zieht sich von Freunden zurück, klagt wiederholt über Kopf- oder Bauchschmerzen ohne Befund, schläft schlecht, hat plötzlich deutlich schlechtere Noten, Schulsachen sind beschädigt oder verschwinden, ungewöhnlicher Geldbedarf, verstörte Reaktion auf Handynachrichten. Einzeln bedeutet keins davon zwingend Mobbing, mehrere über Wochen sind ein deutliches Signal.
Wie viele Kinder sind in Deutschland von Mobbing betroffen?+
Nach der HBSC-Studie des Robert Koch-Instituts von 2022 waren 8,6 Prozent der befragten Schülerinnen und Schüler Opfer von Mobbing, 3,4 Prozent gaben an, selbst zu mobben, und 1,9 Prozent beides. Insgesamt hatten rund 14 Prozent direkte Mobbing-Erfahrung. In einer Klasse mit 25 Kindern sind das etwa zwei Betroffene.
Soll ich die Eltern des mobbenden Kindes ansprechen?+
In aller Regel nicht direkt. Solche Gespräche enden fast immer in gegenseitigen Vorwürfen, und für das betroffene Kind wird die Lage danach häufig härter. Der Weg führt über die Schule, die genau für diese Moderation zuständig ist. Ein gemeinsames Gespräch kann sinnvoll sein, wenn die Schule es begleitet und moderiert.
Ist Mobbing strafbar?+
Einen Straftatbestand Mobbing gibt es in Deutschland nicht. Einzelne Handlungen können aber strafbar sein, etwa als Beleidigung nach § 185 StGB, üble Nachrede nach § 186 StGB, Nötigung nach § 240 StGB, Bedrohung nach § 241 StGB oder Körperverletzung nach § 223 StGB. Bei bloßstellenden Fotos greifen § 201a StGB und das Recht am eigenen Bild.
Ab welchem Alter sind Kinder strafmündig?+
Ab 14 Jahren. Nach § 19 StGB ist schuldunfähig, wer bei der Tat noch nicht 14 Jahre alt ist. Zivilrechtlich sieht es anders aus: Nach § 823 BGB können Minderjährige schon ab sieben Jahren haften, sofern die nötige Einsichtsfähigkeit vorliegt. Schadensersatz und Schmerzensgeld sind damit auch unterhalb der Strafmündigkeit möglich.
Muss die Schule bei Mobbing etwas unternehmen?+
Ja. Schulen haben eine Fürsorgepflicht gegenüber ihren Schülerinnen und Schülern und müssen auf Mobbing mit angemessenen Maßnahmen reagieren. Der Katalog reicht von erzieherischen Einwirkungen bis zu Ordnungsmaßnahmen wie Verwarnung, Umsetzung in eine andere Klasse oder Unterrichtsausschluss. Passiert nichts, ist die Schulleitung die nächste Stufe, danach die Schulaufsicht bei der Bezirksregierung.
Was ist Cybermobbing und wie oft kommt es vor?+
Cybermobbing ist Mobbing, das medial vermittelt stattfindet, etwa über Klassenchats, soziale Netzwerke oder Fake-Profile. Die Zahlen unterscheiden sich stark je nach Definition: Die HBSC-Studie des RKI kommt auf rund 3 Prozent Betroffene, die Cyberlife-Studie des Bündnis gegen Cybermobbing von 2024 auf 18,5 Prozent. Meist ist Cybermobbing die digitale Verlängerung dessen, was in der Klasse ohnehin passiert.
Hilft Kampfsport gegen Mobbing?+
Teilweise, und anders als oft beworben. Belegt ist, dass strukturiertes Training die Selbstwirksamkeit stärkt: Eine randomisierte Studie mit 283 Jugendlichen zeigte 2023 einen mittelgroßen, über zwölf Wochen stabilen Effekt. Nicht belegt ist, dass Kampfsport das Risiko senkt, gemobbt zu werden. Mobbing beruht per Definition auf einem Machtungleichgewicht, das ein einzelnes Kind nicht allein auflösen kann. Sport ist eine sinnvolle Ergänzung, kein Ersatz für das Eingreifen von Schule und Eltern.
Wann brauche ich professionelle Hilfe?+
Wenn dein Kind über längere Zeit die Schule verweigert, sich vollständig zurückzieht, über Wertlosigkeit spricht, sich selbst verletzt oder Andeutungen macht, nicht mehr leben zu wollen. Erste Anlaufstellen sind die Kinderarztpraxis, der schulpsychologische Dienst und die Erziehungsberatungsstellen. Bei akuter Sorge um die Sicherheit gilt der Notruf 112.
Wohin kann ich mich wenden, wenn ich nicht weiterweiß?+
An das Elterntelefon der Nummer gegen Kummer unter 0800 111 0550, kostenlos und anonym. Dein Kind kann selbst unter 116 111 anrufen. Das Opfer-Telefon des Weissen Rings ist unter 116 006 täglich von 7 bis 22 Uhr erreichbar. Zu Cybermobbing berät JUUUPORT von Jugendlichen für Jugendliche. Der schulpsychologische Dienst deines Bundeslands ist kostenfrei und auch für Eltern zuständig.
Fazit

Nicht abwarten, aber auch nicht panisch werden

Mobbing wächst sich nicht aus. Es endet, wenn Erwachsene die Dynamik in der Gruppe verändern, und dafür braucht es Dokumentation, klare Fristen und Hartnäckigkeit gegenüber der Schule. Alles, was du deinem Kind daneben mitgeben kannst, wirkt indirekt: ein Umfeld, in dem es nicht das gemobbte Kind ist, verlässliche Strukturen, Erfolgserlebnisse, die niemand infrage stellt. Diese Kombination aus konsequentem Vorgehen in der Schule und einem stabilen zweiten Ort außerhalb ist das, was in der Praxis am zuverlässigsten funktioniert. Und der Satz, der am Anfang steht und am Ende immer noch gilt: Dein Kind ist nicht schuld.

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Quellen

  1. Fischer, S. M. & Bilz, L. (2024): Mobbing und Cybermobbing an Schulen in Deutschland. Ergebnisse der HBSC-Studie 2022 und Trends von 2009/10 bis 2022, Journal of Health Monitoring 1/2024, Robert Koch-Institut
  2. Ministerium für Bildung, Jugend und Sport Brandenburg (2023): Landeskonzept zur Prävention und Intervention von Mobbing und Cybermobbing
  3. Schulministerium NRW: Mobbing und Cybermobbing sowie Fragen und Antworten zum Thema Gewalt an Schulen, inklusive Ordnungsmaßnahmen nach § 53 SchulG NRW
  4. Familienportal NRW (Stand 2023): Mobbing in der Schule. Was Eltern tun können, um ihr Kind zu schützen
  5. klicksafe (2020): Cybermobbing. Informationen für Eltern, pädagogische Fachkräfte und andere Interessierte, 4. aktualisierte Auflage
  6. Bündnis gegen Cybermobbing e. V. und Barmer (2024): Cyberlife V. Cybermobbing bei Schülerinnen und Schülern
  7. Moore, S. E. et al. (2017): Consequences of bullying victimization in childhood and adolescence. A systematic review and meta-analysis, World Journal of Psychiatry 7(1), 60 bis 76
  8. Kasturiratna, K. T. A. S. et al. (2025): Umbrella review of meta-analyses on cyberbullying victimization, Nature Human Behaviour
  9. Gaffney, H., Ttofi, M. M. & Farrington, D. P. (2021): Effectiveness of school-based programs to reduce bullying perpetration and victimization, Campbell Systematic Reviews 17(2)
  10. Moore, B., Dudley, D. & Woodcock, S. (2023): The effects of a martial arts-based intervention on secondary school students' self-efficacy, Philosophies 8(3), randomisierte kontrollierte Studie mit 283 Teilnehmenden
  11. Twemlow, S. W. et al. (2008): Effects of participation in a martial arts-based antibullying program in elementary schools, Psychology in the Schools 45(10)

Dieser Beitrag ersetzt keine pädagogische, psychologische oder rechtliche Beratung. Schulrecht ist Landesrecht und unterscheidet sich zwischen den Bundesländern. Wenn du dir Sorgen um die seelische Gesundheit deines Kindes machst, wende dich an eure Kinderarztpraxis, den schulpsychologischen Dienst oder eine Erziehungsberatungsstelle. In einer akuten Notlage gilt der Notruf 112.

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